Bei uns trifft im Moment täglich eine Anfrage zur Rettung eines Theaters ein. Erst Wuppertal, dann das Schleswig-Holsteinische Landestheater, jetzt Essen. Und ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wie wir das unseren Mitglieder noch begreiflich machen sollen. Man kann ja nicht täglich eine Unterschrift für ein neues, in Not geratenes Theater leisten - oder wöchentlich an Protestmärschen teilnehmen.
Bei mir drängt sich die Frage auf, wie es dazu kommen konnte, dass die Theater in diese Lage geraten sind. Und ich denke, es liegt an der Grundstruktur. Soll heißen: das Stadttheatersystem ist ein Dinosaurier. Es passt nicht mehr in diese Welt. Es muss aussterben. Wir können es nicht retten. Und Schuld daran sind die Politiker, die Intendanten und der Deutsche Bühnenverein sowie der GDBA.
Die Politiker tragen die Schuld daran, dass in Deutschland die Kulturzuschüsse noch immer "freiwillige Leistungen" sind, und damit als erstes gestrichen werden, wenn es brennt. Das hätte man auch dadurch ändern/abmildern können, indem man Kultur als Staatsziel ins Grundgesetz geschrieben hätte. Hat man aber nicht (danke, CDU). So kommt es, dass man am Theater zwar noch Geld für die Tariferhöhungen der Administratoren hat (haben muss), aber sich die Künstler nicht mehr leisten kann. Ergebnis: ein gut verwaltetes Haus ohne Darsteller. Leider kommt kein Zuschauer ins Haus, um sich die reibungslos funktionierende Teamarbeit der Verwaltungsangestellten anzusehen…
Der Deutsche Bühnenverein hätte diese Entwicklung schon vor Jahren voraussehen müssen und für die Stadttheater Konzepte zur Anpassung entwickeln müssen. Statt immer nur zu versuchen, das Bestehende zu bewahren und zu protestieren, wenn sich etwas verändert, hätte man die Politik zum Dialog auffordern müssen, um innovative Ideen - vielleicht erstmal als Modellversuch - umzusetzen, um die Qualität des Stadttheatersystems und die soziale Absicherung der Beschäftigten hinüberzunehmen in eine neue Ebene. Das kann man aber auch genauso der Theatergewerkschaft GDBA vorwerfen, die in den letzten Jahren nur noch beobachtet hat, anstatt zu handeln. Und kritisiert und lamentiert hat, anstatt Neues ins Gespräch zu bringen. Niemand hat innovative Ideen wie z.B. Darsteller-Zeitarbeit oder En-Bloc-Bespielung ausprobiert. Aber vielleicht kann man das von alten Herren, die alle über 70 sind und ihr Leben lang erfolgreich im alten System verbracht haben auch nicht erwarten.
Viele Intendanten kümmern sich natürlich lieber um ihre persönliche Karriere als um das deutsche Theatersystem. Gerade die jüngeren Intendanten an kleineren Häusern haben sich in ihren Bewerbungsgesprächen von der Politik zu allem überreden lassen bzw. allem zugestimmt, um den Job zu bekommen. Ganz nach dem Motto: "Wenn ich erstmal drin bin, dann wird es schon nicht so schlimm werden - und ich bin dann ja auch bald wieder weg an einem größeren Haus. Ich schaffe das schon."
Und so ist in den letzten Jahren nichts passiert - außer ein bisschen Kosmetik. Aber Kosmetik hilft nichts gegen das Aussterben. Und so werden wir uns wohl darauf gefasst machen müssen, dass es in Deutschland bald hauptsächlich Bespieltheater gibt. In Städten wie Wuppertal, Flensburg, usw. wird es dann ein schönes Theater mit einem sehr interessanten Programm von verschiedensten Ensembles und Genres geben (wie jetzt schon z.B. im Forum Leverkusen bzw. im Theater Itzehoe) - auch die lokale Laientheaterszene wird nicht mehr zu kurz kommen. Feste Orchester bzw. Schauspiel-, Ballett- und Opernensembles wird es nur noch in den Metropolen geben. Wenn man große Oper sehen will, muss man dann eben nach München, Frankfurt, Stuttgart, Köln, Berlin, Hamburg oder Nürnberg fahren. Ansonsten wird es viele Ensembles geben, die durch Deutschland touren. Diese Ensembles werden bestimmt sehr gut sein: sie sind aufeinander eingespielt und jeweils für das Stück ausgesucht. Für die Zuschauer könnte es dadurch sogar noch interessanter werden, als bisher: sie sehen viel mehr verschiedene Künstler, verschiedene künstlerische Ansätze, Genres, Ideen.
Wer sind die Verlierer? Die Theaterschaffenden und das Bildungsbürgertum. Die Theaterschaffenden, weil sehr viele von ihnen - besonders die Orchestermusiker - auf ganz viele soziale Errungenschaften wieder werden verzichten müssen. Keine 8 Dienste mehr pro Woche bei Festanstellung, sondern ein Leben zwischen verschiedenen Orchestern, Unterricht geben und Akquise. Keine Zeitverträge mehr mit einer befristeten Sicherheit, sondern das Springen von Produktion zu Produktion. Kein Wohnsitz mit Arbeitsplatznähe, sondern dauerndes, familienfeindliches Touren. Aber auch die Bildungsbürger in kleineren und mittleren Städten werden leiden: denn die Künstler kommen in solche Städte nur noch als Tour-isten und schlafen die Nacht im Hotel. Am nächsten Tag geht es weiter. Das bedeutet: kein qualitativ hochwertiger Musik- oder Tanzunterricht mehr für den Nachwuchs in Wuppertal und Flensburg. Keine Kaminfeuer-Lesungen und Diskussionen mit den gewohnten und hochgeschätzten Künstlern aus dem eigenen Theater. Kein ästhetischer Diskurs mehr mit Hausregisseuren - und natürlich kein regionaler Bezug mehr in den Stücken, die dann im Bespieltheater aufgeführt werden. Ach so: und die GDBA und den Deutschen Bühnenverein wird es dann auch leider nicht mehr geben.
Summa summarum muss ich sagen, dass ich mich vor der kommenden Entwicklung nicht fürchte. Aber ich freue mich auch nicht auf sie. Ich glaube, es handelt sich um einen Stadttheater-Tsunami. Wir müssen acht geben, er kommt. Und schon einmal einen Plan B haben, wenn wir unten am Strand wohnen. Denn wenn er kommt, dann laufen wir. Weil: wer sich einem Tsunami in den Weg stellt, ist weg. Und dann kommen wir wieder, wenn er gewütet hat. Und gucken, was noch da ist. Und bauen das auf, was noch zu retten ist - und schaffen ansonsten Neues. Denn eines ist für mich klar: nur weil das Stadttheatersystem gerade von der Politik (und vielleicht ja auch von den Bürgern) zerstört wird, wird das Theater nicht kaputt gehen. Es wird immer und immer und immer weiterleben. Menschen brauchen nämlich Theater. Deshalb.
Abgelegt unter : Allgemein, Künstler & Politik am 17. März 2010 | Keine Kommentare »